Samstag, 15. Oktober 2011

Kindergeschichten

Auf meiner Arbeit bekomme ich einige traurige Schicksale von Kindern mit. Allgemein sind die Kinder alle recht arm, aber einige haben ein besonders schweres Leben. So zum Beispiel mein Lieblingskind: Er lebt mit seiner Mutter und ihrem Freund (ich weiß nicht, ob er auch sein Vater ist oder nicht) in einer Hütte neben dem Friedhof. Sie können sich keine Wohnung oder gar ein Haus leisten und leben deshalb, wie viele andere hier, in einem selbstgebauten Verschlag aus allen möglichen Dingen, die man so auf dem Müll findet. Zu Essen gibt es kaum etwas und auch Kleidung ist Mangelware. So geht es aber vielen Leuten hier, da es in Kolumbien und gerade in Popayan kaum Arbeit gibt und der Staat die Armen auch nicht unterstützt. Was das wirklich traurige nun an seiner Geschichte ist, ist, dass er oft von dem Freund seiner Mutter geschlagen wird. Er kommt jede Woche mit neuen Verletzungen an, seine Mutter behauptet dann, er sei vom Fahrrad gefallen oder so. Einmal hatte er für 2 Wochen ein offenes Knie, weil er wahrscheinlich geschubst wurde und dabei schwer hingefallen ist. Es ist sehr traurig, da er ja erst 5 Jahre alt ist und sich gegen solche Dinge nicht wehren kann. Ich habe schon die Erzieherin gefragt, warum sie nicht mal mit der Mutter redet, aber sie meinte, die Mutter sei nicht besonders interessiert an ihrem Kind. Das merkt man auch, er wird von ihr nie zum Abschied oder zur Begrüßung umarmt und manchmal holt sie ihn erst gar nicht ab, dann muss er alleine nach Hause laufen. Wegen all diesen Gründen ist er sehr aggressiv und schlägt die anderen Kinder oft. Das führt dazu, dass keiner mit ihm spielen will und er meistens alleine da sitzt. Auch kann er sich nur schlecht konzentrieren und ist im Gegensatz zu den anderen Kindern sehr hintendran, er kann keine Farben, keine Zahlen, kann nicht malen etc. Ich versuche mich sehr um ihn zu kümmern und mein Chef meinte am Anfang zu mir, dass ich versuchen soll ihm etwas Aufmerksamkeit und Zuneigung zu schenken, denn nur so könnte man erreichen, dass er ruhiger wird. Anfangs war es sehr schwer, da er auch mich oft gebissen und getreten hat, wenn ich mal keine Zeit für ihn hatte und er so sehr an mir hing, dass kein anderes Kind in meine Nähe durfte. Aber jetzt sitzt er sehr oft auf meinem Schoß und kuschelt mit mir, in der letzten Zeit hat er auch angefangen mit den anderen Kindern zu spielen, wenn ich dabei bin und ist allgemein etwas ruhiger geworden, auch wenn es noch ein langer Weg ist. Aber es ist schön, dass man innerhalb von kurzer Zeit und mit wenig Mitteln viel erreichen kann.
Ein anderes Kind hat noch nie in seinem Leben seine Eltern gesehen, da sie in Honduras leben, weil sie dort eine Arbeit gefunden haben. Er wohnt bei seinen Großeltern, die allerdings auch schon alt und nicht mehr so fit sind. Als die Kids einmal ihre Familie aufmalen sollten und wir ihnen vorher erklärt haben, dass eine Familie aus Mutter, Vater und Kindern besteht, da saß er vor seinem Blatt Papier und hat zur Erzieherin gemeint, dass er aber doch gar nicht weiß, wie seine Eltern aussehen und sie daher auch nicht malen kann.
Ein Mädchen fängt immer furchtbar zu weinen an, wenn sie ihre Kleidung dreckig gemacht hat oder ein Armband oder so kaputt gegangen ist, sie sagt dann unter Tränen, dass sie großen Ärger zu Hause bekommt und ihre Mutter sehr sauer auf sie sei, wenn sie mit schmutzigen oder kaputten Sachen heimkommt. Wir versuchen dann ihre Hose oder ihr T-Shirt, so gut wie es geht, sauber zu bekommen, aber manchmal wird es einfach nicht sauber und dann ist es ein sehr trauriger Anblick, wenn sie abgeholt wird und mit Tränen in den Augen vor ihrer Mutter steht.
Das sind ein paar Schicksale, die mich hier sehr berühren. Diese Kinder sind noch so klein und müssen schon so viel aushalten und durchmachen. Das einzige, was wir ihnen im Kindergarten geben können, ist Aufmerksamkeit und etwas Zuneigung, aber es ist schwer, einem Kind, das viel Gewalt und Armut erlebt, klar zu machen, dass nicht alle Leute so sind. Vielen fehlt das Vertrauen...
Hier sind ein paar Bilder von Kindern und meinem Projekt, allerdings will ich aus Respekt keine Bilder von den oben genannten Kindern hier hinein stellen.

Liebe Grüße
Judith





Auf dem Gelände gibt es sehr viele kleinere Häuschen, in jedem ist ein Raum für eine Gruppe. Am rechten Bildrand sieht man den Raum, in dem ich arbeite.

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