Mittwoch, 4. Juli 2012

5100 Meter näher am Himmel

Am Samstag bin ich mit Charlotte zu einem Dorf namens Cocuy gefahren, dort in der Nähe ist ein Nationalpark mit Gletschergipflen. Mit dem Bus ging es 7 Stunden über einsame Berge. Alle Stunde kam mal ein kleines Dorf und die einzige Straße ging an steilen Abhängen immer nur auf und ab. Die Landschaft war genauso, wie man sich die Anden vorstellte: Berge, Berge und nochmehr Berge. Alles in grün, graun-braun und so einsam. Dagegen sind die Alpen ein Witz, so mini...
Spät abends sind wir in dem Dorf angekommen und wurden erstmal überrascht: es war eine Art Kirchweih, das Fest der Heiligen Carmen wurde gefeiert. Allle Leute (egal ob Mann oder Frau) hatten die gleichen Ruanas (Ponchs aus grober Schafswolle) und einen Hut an. Wir waren die einzigen Ausländer und wurden mit verwunderten Blicken bedacht. Es war eine ganz komische Stimmung, da alle mit einem Bier in der Hand an die Hauswände gelehnt standen und keiner ein Wort sprach. Die Bergbauern sind wohl nicht so Partymenschen...Wir haben uns dann mit einem Bier zu dem Schwiegen dazu gesellt und stumm das Feuerwerk angeschaut. Um 22.00 Uhr mussten wir auf Anordnung der penionswirtin schlafen gehen, das war ganz gut, da es ersten sehr kalt war und wir zweitens den Milchwagen am nächsten Morgen um 6.00 erwischen mussten. Der hat uns dann mit hoch in die Berge genomme, er sammelt jeden Morgen die Milch der abgelegenen Bauernhöfe ein. 2 Stunden ging es auf einem offenen Planwagen bergauf und am Wegesrand standen die warmen Milchkannen bereit. Wir hatten uns einen Schlafplatz in einer Hütte reserviert. Auf 3700m wurden wir dann rausgeschmissen und sind noch ein kurzs Stück bis zu unserer Unterkunft gelaufen. Ein klappriger Bretterverschlag mit harten Betten, ohne Strom und mit a****kaltem Wasser. Nach einem Kaffee haben wir dann eine 8 Stunden Wanderung gemacht um uns zu aklimatisieren. Unsere Lungen mussten sich erstmal an das dünne Lüftchen dort oben gewöhnen, es ist wirklich gar nicht so leicht, sich so weit oben körperlich anzustrengen, alle paar Minuten muss man anhalten um wieder zu Atmen zu kommen. das schlimmste ist aber die Panik, die man bekommt, wenn man atmet und atmet, aber einfach kein Sauerstoff die Lungen erreicht. An diesem Tag sind wir "nur" bist auf 4200m hoch.
Der Nationalpark ist gar nicht so groß, hat aber 21 Gletschergipfel und eine einzigartige Flora und Fauna. Dort leben ein paar Bären, Pumas und 10 der letzten Kondore. Wir haben aber leider keines dieser Tiere gesehen. Dafür aber viele seltene Pflanzen. Dort oben wächst eine Kakteenart, Frailejon genannt, die sehr toll aussehen. Wir sind 9 km zu einer schönen Lagune gewandert, durch das Tal der "Frailejones". Die Landschaft ist wirklich wunderschön... Überall gibt es kleine, klare Bäche aus denen wir trinken konnten.
Abends haben wir dann schon die ersten Zeichen einer leichten Höhenkrankheit gemerkt: Appetitlosigkeit, Kopfweh, Lungenschmerzen und Schlaflosigkeit. Ich lag ewig im Bett, war total müde und konnte einfach nicht schlafen. Die Nacht war schrecklich, es war so kalt (ca. 5 Grad im Zimmer), es gab nur dünne Decken, es hat furchtbar gewindet und geregnet. Charlotte und ich haben zusammen im Bett geschlafen, um uns ein bisschen zu wärmen.
Um 6.30 Uhr sind wir dann aufgebrochen zu unserer Gipfelbesteigung. Wir haben etwas Haferbrei gegessen, man bekommt da oben wirklich nichts runter. Ansonsten gabs den Tag über nur Äpfel, Karotte und ein paar Kekse. Wir hatten uns entschieden alles ohne Pferde und Führer zu machen, da es teils einen Pfad gab und wenn nicht hatten die vorigen Wanderer Steinmännchen aufgebaut, auf die jeder einen kleinen Stein oben drauf legt, an denen man sich gut ortientieren kann. Außerdem war der Plan einfach, aber genial: von unten nach ganzoben!
Erst mussten wir 7 km bis zum Fuß des Gletscher laufen, dabei mussten wir auch einen kleinen Pass (300 Höhenmeter) überqueren. Es war so deprimierend nach dem Aufstieg alles wieder runter und dann nochmal viel viel höher zu müssen. Und dann gings endlich richtig los: erst 4 km einen kleinen Pfad hoch, das war noch nicht so steil und wir kamen recht schnell voran. Nach einer kleinen Pause kam dann die erste Hürde: ein sehr steiles Geröllfeld hochklettern. 1 Stunden lang sind wir über rießige Felsbrocken geklettert und haben dabei ebenmal 500 Höhenmeter überwunden. das ist schon viel in einer Stunde und wir mussten immer alle paar Meter Pausen machen um wieder zu Atmen zu kommen. Es war ganz schön gefährlich, weil es wirklich sehr steil bergauf ging und man aufpassen musste, da viele Steine lose waren und wackelten. Auf dem Weg kam dann auch schon der erste Schnee, man haben wir uns da gefreut!!!
Oben waren wir fix und fertig und das atmen war wirklich nicht mehr leicht, wir waren dann schon auf knapp 5000 Metern. Aber da kam dann erst noch der schwierigste Teil: eine 2 km lange Steinplatte. Das war total ätzend, denn es ging immer noch bergauf, wir hatten das Ziel schon im Blick, aber es kam einfach nicht näher. So nah am Äquator und so weit oben brennt die Sonne mega, wir hatten einen wolkenlosen Tag erwischt und die Sonne da oben war so stark.Die Sonne, die Höhe und die Kraftanstrengung vorher hat uns einafch total fertig gemacht. Jeder Schritt fiel unglaublich schwer und so haben wir für die 2 km nochmals 1,5 Stunden gebraucht. Wir konnten uns auf gar nix mehr konzentrieren und sind nur noch stumm und weit von einander entfernt geradeaus gelaufen. Die Luft war da oben so dünn, dass wir uns alle paar Meter einfach fallen gelassen haben und erstmal ausruhen mussten. Aber wir wollten eben unbedingt bis ganz hoch zum ewigen Eis. Charlotte ging es auch immer schlechter, sie hat furchtbare Kopfschmerzen und Schwindel bekommen. Es war wirklich ein Kampf, aber das Gefühl, als wir dann endlich da waren und am 2. Juli auf 5100 Metern im Schnee standen war überwältigend...
Wir hatten eine tolle Sicht über die Anden und waren so glücklich, nach 7 Stunden, 15 km und 1400 Höhenmetern sind wir endlich angekommen.
Der Gipfel ist ein ganz besonderer, da es ein rießiger Granitquader ist, der da einfach im Schnee liegt.
Wir haben uns dann erstmal eine Packung unserer Lieblingschips gegönnt. Lange konnten wir uns aber gar nicht ausruhen, da Charlotte immer mehr Kopfschmerzen bekam und wir deshalb wieder runter mussten und wir ja auch noch 15 km wieder zurück mussten...
Wenn der Aufstieg schon schwer war, so war der Abstieg die Hölle, denn dieses Geröllfeld wieder runter zu klettern, war wirklich nicht einfach und wir hatten gar keine Kraft und Energie mehr. Außerdem ging es Charlotte echt schlecht und wir hatten total Schiss, dass ihr im falschen Moment schwindlig wird und sie fällt. Wir sind auch einige Male hingefallen, aber zum Glück immer nicht so schlimm. Unterhalb des Geröllfeldes waren wir dann so fertig, dass wir uns einfach fallen gelassen haben und dann so da lagen, das war aber gar keine so gute Idee, da uns sofort schwarz vor Augen wurde ;) Aber nach einiger Zeit gings dann wieder.
Es war schon dunkel, als wir nach 13 Stunden und 30 km endlich an der Hütte ankamen. Wir waren so k.o., dass wir einfach mit unseren Klamotten eingschlafen sind (zum Glück konnten wir beide schlafen) und erst am nächsten Tag um 7.00 Uhr wieder aufgewacht sind.
Mit dem Milchwagen gings dann wieder ins Dorf und von da aus zurück nach Duitama.

Das war so ziemlich das verrückteste, anstrengenste aber auch schönste, was ich je gemacht habe.



ganz links im Bild unserer Hütte

Frailejones



Pause


und es kam einfach nicht näher...

endlich im Schnee

so glücklich

vor dem Gipfel im ewigen Eis

Sicht über die Anden



bis ganz dahinten hoch gings

die Steinmännchen weisen den Weg



Kommentare:

  1. Puh, da habt ihr zwei Gämsen also ganz alleine so eine anstrengende Tour gemacht. Wenn euch etwas passiert wäre, auch nur eine von euch schlapp gemacht hätte, was dann? Daran will ich gar nicht denken.
    Toller Bericht, schöne Bilder, Glückwunsch an dich und Charlotte zu dieser Leistung.
    Alles Liebe
    Mama

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  2. Hey Judith,
    verfolgen jetzt schon seit begin deinen klasse Blog und ich muss sagen, bei dem heutigen Bericht hat man schon richtig mitgelitten!!
    Man konnte sich bildlich vorstellen, wie ihr zwei den Berg hochgewandert, gestolpert und gekrochen seid...echt super Leistung und fesselnd geschrieben!!!
    Bis bald
    Liebe Grüße
    Jürgen

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  3. Klasse Blog. Wir haben eine Informationsseite über Kolumbien. Vielleicht können wir ja noch etwas von den Texten bei uns mit einbauen falls es dich nicht stört.

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  4. Hallo du Andenbummlerin,
    du verrücktes Huhn, war ganz schön leichtsinnig von euch beiden, ich hatte schon mal den sogenannten Höhenkoller und weiß daher, wie man sich fühlt, aber ist ja Gott sei Dank gut gegangen.
    Wünsche dir einen schönen Resturlaub und eine gute Heimreise und hoffentlich bis bald.
    Werner aus Summeri

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